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Vom Gold Ghanas über Hermann Hesse und den Bergsturz von Blatten bis zur Musik im Nationalsozialismus und einer mittelalterlichen Chronik: Das vierte Kolloquium unseres Forums am 3. Oktober 2026 in Brugg führte uns durch Jahrhunderte und über Kontinente hinweg.


Was verbindet eine Goldmine in Ghana mit einem Schriftsteller im Tessin, einem verschütteten Walliser Dorf, einem nationalsozialistischen Spielfilm und einer mittelalterlichen Chronik?


Auf den ersten Blick wenig. Doch genau darin liegt der Reiz unseres Kolloquiums: Menschen bringen Themen mit, die sie beschäftigen, denen sie mit Neugier nachgehen und über die sie mit anderen ins Gespräch kommen möchten.


Auch bei unserem vierten Kolloquium am 3. Oktober 2026 in Brugg war die Runde lebendig. Zwischen den Referaten wurde diskutiert, nachgefragt, gestaunt und gelacht. Beim gemeinsamen Essen gingen die Gespräche weiter. Und nicht selten zeigte sich, dass hinter einer vertrauten Geschichte noch eine ganz andere steckt.


Gold aus Ghana – und die Frage, wem der Reichtum gehört


Silvester eröffnete das Kolloquium mit einer Reise durch rund 2500 Jahre Goldgeschichte im Gebiet des heutigen Ghana. Er begann buchstäblich beim Ursprung des Goldes: tief im Gestein, in goldhaltigen Quarzadern oder als kleine Partikel in Flüssen und Sedimenten.


Doch aus der Geologie wurde rasch Wirtschafts- und Machtgeschichte. Denn das Gold Ghanas war schon lange vor der Ankunft der Europäer ein begehrtes Handelsgut. Über weitverzweigte afrikanische Handelsnetze gelangte es durch die Sahara bis in den Mittelmeerraum.


Als die Portugiesen im 15. Jahrhundert die Goldküste erreichten, trafen sie keineswegs auf eine unentwickelte Gesellschaft, deren Reichtum erst entdeckt werden musste. Sie mussten mit erfahrenen afrikanischen Händlern und mächtigen Herrschern verhandeln – zunächst durchaus auf Augenhöhe.


Erst die Kolonialisierung veränderte die Machtverhältnisse grundlegend. Der Goldabbau wurde industrialisiert, die Fördermengen stiegen, doch ein grosser Teil der Gewinne floss ins Ausland.


Silvester führte diese Geschichte bis in die Gegenwart. Ghana gehört heute zu den bedeutenden Goldproduzenten der Welt. Gleichzeitig zerstört insbesondere der illegale Goldabbau Wälder, landwirtschaftliche Flächen und Gewässer.


Damit stand am Ende seiner eindrücklichen Reise eine Frage im Raum, die weit über Ghana hinausreicht: Wem nützt der Reichtum eines Landes, wenn seine Bevölkerung einen grossen Teil der sozialen und ökologischen Kosten trägt?


Hermann Hesse – politisch, ohne Politiker zu sein


Von den grossen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen Westafrikas führte uns Anita zu einem Menschen, der den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf ganz andere Weise begegnete: Hermann Hesse.

Hermann Hesse, 1927. Foto: Gret Widmann, gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.
Hermann Hesse, 1927. Foto: Gret Widmann, gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.

Wir kennen ihn als Schriftsteller, Nobelpreisträger und Verfasser von "Siddhartha" und "Der Steppenwolf". Doch Anita zeigte eine weniger bekannte Seite des Dichters: den aufmerksamen Beobachter seiner Zeit.


Hesse hielt Distanz zu Parteien und politischen Ideologien. Gleichgültig gegenüber Krieg, Nationalismus und Verfolgung war er deshalb keineswegs. Für ihn stand der einzelne Mensch mit seiner Würde, seiner Freiheit und seinem Gewissen im Mittelpunkt.


Besonders eindrücklich war der Blick auf seine umfangreiche Korrespondenz. In Briefen nahm Hesse Anteil an den Schicksalen anderer Menschen, unterstützte Verfolgte, vermittelte Kontakte und bot Hilfe an.


Anita machte deutlich, dass politisches Handeln nicht zwingend auf öffentlichen Bühnen stattfindet. Manchmal zeigt es sich gerade in der persönlichen Verantwortung für andere Menschen.


Blatten – was bleibt, wenn ein Dorf verschwindet?


Wie eng Menschen mit ihrer Geschichte verbunden sind, zeigte uns Christian am Beispiel einer Katastrophe, deren Bilder noch immer präsent sind.


Am 28. Mai 2025 wurde das Walliser Dorf Blatten durch einen gewaltigen Bergsturz weitgehend zerstört. Häuser, Strassen und zahlreiche materielle Zeugnisse einer über Jahrhunderte gewachsenen Dorfgemeinschaft verschwanden unter den Gesteinsmassen.


Doch Christian interessierte sich nicht in erster Linie für die geologischen Ursachen oder das Ausmass der Zerstörung. Er stellte eine andere Frage: Was geschieht mit dem kollektiven Gedächtnis, wenn der Ort verloren geht, an dem dieses Gedächtnis zu Hause war?


Unsere Erinnerungen sind mit Landschaften, Gebäuden, Gegenständen und vertrauten Orten verbunden. Aber sie leben auch in Erzählungen, Familiengeschichten, Festen und Bräuchen weiter.


Gerade nach einer solchen Katastrophe gewinnen gemeinsame Traditionen besondere Bedeutung. Die Tschäggättä mit ihren eindrucksvollen Holzmasken gehören beispielsweise zum kulturellen Erbe des Lötschentals und verbinden die Menschen mit ihrer Heimat.

Tschäggättä-Maske aus dem Lötschental. Foto: Robbie Conceptuel, 2019. Quelle: Wikimedia Commons, CC0 1.0 (gemeinfrei).
Tschäggättä-Maske aus dem Lötschental. Foto: Robbie Conceptuel, 2019. Quelle: Wikimedia Commons, CC0 1.0 (gemeinfrei).

Der Wiederaufbau von Blatten ist deshalb weit mehr als eine bauliche Aufgabe. Es geht auch darum, wie eine Gemeinschaft ihre Geschichte bewahren und gleichzeitig eine neue Zukunft gestalten kann.


Wenn Musik mehr erzählt als die Bilder


Dass Geschichte nicht nur in Texten und Gebäuden steckt, sondern auch in Klängen, führte uns Brigitte vor Augen – oder besser: vor Ohren.


Sie hatte Ausschnitte aus dem nationalsozialistischen Spielfilm "Wunschkonzert" von 1940 mitgebracht. Der Film mit Ilse Werner in der Hauptrolle verbindet eine Liebesgeschichte mit dem damals populären Radioformat «Wunschkonzert für die Wehrmacht».


Joseph Goebbels hatte früh erkannt, welche Möglichkeiten Rundfunk und Film für die nationalsozialistische Propaganda boten. Unterhaltung sollte nicht nur unterhalten, sondern Gefühle wecken, Gemeinschaft beschwören und politische Botschaften vermitteln.

Volksempfänger VE 301 Dyn, ab 1938. Über den Rundfunk erreichte die nationalsozialistische Propaganda breite Bevölkerungskreise. Bild: Rijksmuseum, gemeinfrei (CC0).
Volksempfänger VE 301 Dyn, ab 1938. Über den Rundfunk erreichte die nationalsozialistische Propaganda breite Bevölkerungskreise. Bild: Rijksmuseum, gemeinfrei (CC0).

Brigitte zeigte, wie raffiniert die Musik dafür eingesetzt wurde. Die Olympiafanfare wurde zum Erkennungszeichen des Liebespaares, während klassische Musik wie jene Beethovens den Anspruch einer grossen deutschen Kulturnation unterstrich.


Besonders eindrücklich war eine Szene mit dem Badenweiler Marsch. Da dieser als musikalisches Erkennungszeichen Hitlers galt, wusste das damalige Publikum schon beim Erklingen der Melodie, dass sein Auftritt bevorstand. Die Musik vermittelte die Botschaft, noch bevor das Bild sie bestätigte.


Ein musikalisches Signal genügte also, um eine politische Botschaft zu vermitteln.


Nach Brigittes Ausführungen dürfte manch einer von uns Filmmusik künftig mit anderen Ohren hören.


Turi und die Kunst, eine Chronik anders zu lesen


Zum Abschluss führte uns Turi zurück ins Mittelalter. Sein Thema war die Strättligen-Chronik aus dem 15. Jahrhundert, die seit Langem als Quelle zur Geschichte der Region am Thunersee herangezogen wird.


Genau daran setzt Turis Kritik an. Er ist überzeugt, dass die Chronik zu häufig als Bericht über historische Ereignisse gelesen wurde, obwohl ihr Wert als zuverlässige Darstellung solcher Ereignisse begrenzt ist. Nach seiner Auffassung wird man dem Werk erst gerecht, wenn man seinen religiösen Zweck in den Mittelpunkt stellt.


Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Chronik. Der damalige Pfarrer Elogius Kiburger wollte nach Turis Interpretation keine Geschichte im heutigen Sinne schreiben, sondern ein Werk zur Ehre Gottes schaffen, das den Glauben stärken sollte. Diesen Gedanken bringt Turi auch im Titel seines Buches Ein Buch zur Ehre Gottes zum Ausdruck.


Wie intensiv er sich mit der Quelle auseinandergesetzt hat, zeigt seine Arbeitsweise: Turi hat die 166 Seiten der Chronik eigenhändig abgeschrieben und dabei in heutiges Deutsch übertragen. Im Vortrag erzählte er, dass bereits der ursprüngliche Verfasser zur Weitergabe seines Werkes durch Abschriften aufgefordert habe. In einer Zeit, in der gedruckte Bücher noch nicht verbreitet waren, war das Abschreiben eine entscheidende Möglichkeit, Texte weiterzugeben.


Aber Turi wäre nicht Turi, wenn er sich auf die Untersuchung des Textes beschränken würde.


Wie kam ein Geistlicher im 15. Jahrhundert überhaupt an Bücher? Vielleicht, so überlegte er, hatte dieser ein Pferd gesattelt und war nach Basel geritten, wo das grosse Kirchenkonzil nicht nur Gelehrte und Geistliche anzog, sondern auch Händler und allerlei Volk. Ein Gedankenspiel, das die mittelalterliche Welt plötzlich sehr lebendig werden liess.


Und dann führte uns Turi beinahe nebenbei noch auf die Nordseeinsel Amrum, wo er sprachliche Ähnlichkeiten zwischen dem dort gesprochenen Öömrang, einer nordfriesischen Mundart, und dem Haslitaler Dialekt beobachtet hatte.


Solche gedanklichen Ausflüge gehören zu seiner Art, Geschichte lebendig werden zu lassen. Und hinter ihnen steht eine ernsthafte Frage: Lesen wir historische Quellen so, wie ihre Verfasser sie verstanden wissen wollten? Oder finden wir darin vor allem das, wonach wir selbst suchen?


Die Freude am Entdecken


Fünf Referate, fünf ganz unterschiedliche Zugänge zu Geschichte, Kultur und Gesellschaft – und immer wieder neue Fragen.


Silvester zeigte uns, dass die Geschichte des Goldes nicht erst mit der Ankunft der Europäer beginnt. Anita machte einen politischen Hermann Hesse sichtbar, der sich nicht über Parteizugehörigkeit definierte. Christian fragte, wie Erinnerungen überleben, wenn ihre materiellen Zeugnisse verschwinden. Brigitte liess uns die politische Wirkung von Musik erkennen. Und Turi stellte eine jahrhundertealte Lesart einer Chronik infrage.


Das vierte Kolloquium zeigte einmal mehr, wie bereichernd es ist, eigene Interessen und Forschungsergebnisse mit anderen zu teilen.


Dabei ging es nicht nur um Wissen, sondern auch um die Freude am Entdecken, am Hinterfragen und am gemeinsamen Nachdenken. Genau davon lebt unser Forum.


Und manchmal beginnt eine spannende Diskussion mit einer ganz einfachen Frage: Könnte es nicht auch ganz anders gewesen sein?


 
 
 
Autorenbild: pia.m.casanova
pia.m.casanova
19. Aug.

Am Sonntag, 16. August 2026, trafen wir uns im Landesmuseum Zürich zu einer Kuratorenführung durch die Ausstellung «Wir und der Krieg». Besonders gefreut hat uns, dass wir neben unseren Vereinsmitgliedern auch Studierende der FernUni Schweiz begrüssen durften.

Dr. phil. José Cáceres, Kurator der Ausstellung, führte uns durch die verschiedenen Themenbereiche und gab uns Einblicke in das Konzept und die Entstehung der Ausstellung. Einer der Aspekte, die dabei besonders neugierig machten, war die Tarnmalerei – und die überraschende Rolle, die der Schweizer Künstler Hans Erni dabei spielte.

Was der Krieg verbirgt

Krieg ist sichtbar. In Bildern von zerstörten Städten, Soldatinnen und Soldaten, Waffen und Flüchtenden. Doch ebenso gehört zum Krieg das Unsichtbare: Was soll der Gegner nicht sehen? Was bleibt einer Bevölkerung verborgen? Und welche Bilder prägen überhaupt unsere Vorstellung von Krieg?

Diese Fragen ziehen sich durch die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich. Sie erzählt von der Schweiz inmitten bewaffneter Konflikte – und davon, dass auch ein neutrales Land nicht ausserhalb des Krieges steht. Bei der Führung mit José Cáceres wurde deutlich, dass die Ausstellung nicht einfach eine Geschichte der Kriege erzählt. Im Zentrum steht vielmehr die Frage nach dem Verhältnis der Schweiz zum Krieg. Denn auch ein Land, das sich als neutral versteht und seit Langem von Kriegshandlungen auf dem eigenen Territorium verschont geblieben ist, steht nicht ausserhalb bewaffneter Konflikte.

Die Ausstellung macht diese Verflechtungen über mehrere Jahrhunderte sichtbar. Schweizer dienten in fremden Armeen, Krieg und Handel waren miteinander verbunden, eine eigene Rüstungsindustrie entstand, und wirtschaftliche Beziehungen während der beiden Weltkriege warfen Fragen auf, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Krieg erscheint damit nicht nur als militärisches Ereignis. Er berührt Wirtschaft und Politik, verändert Landschaften und hinterlässt Spuren in gesellschaftlichen Debatten.

Wenn Landschaft zur Verteidigung wird

Eine dieser Spuren findet sich bis heute mitten in der Schweizer Landschaft. Befestigungen, Bunker und unterirdische Anlagen sollten insbesondere während des Zweiten Weltkriegs strategisch wichtige Räume schützen.


Mit dem Réduit wurde 1940 der Alpenraum zum militärischen Rückzugsraum. Doch eine Befestigung, die vom Gegner leicht erkannt werden kann, ist verwundbar. Sie musste deshalb nicht nur gebaut, sondern auch verborgen werden.

A1966-69 ARTILLERIEBUNKER AESCHIRIED BE (Quelle: https://www.festung-oberland.ch)
A1966-69 ARTILLERIEBUNKER AESCHIRIED BE (Quelle: https://www.festung-oberland.ch)

Damit erhielt eine Tätigkeit militärische Bedeutung, die man zunächst kaum mit Landesverteidigung verbindet: das Malen.

Künstler wurden eingesetzt, um militärische Anlagen zu tarnen. Farbe sollte Mauern, Eingänge und andere Bauten optisch mit Felsen, Vegetation und Gelände verschmelzen lassen. Malerei hatte hier nicht die Aufgabe, etwas sichtbar zu machen. Sie sollte das Gegenteil bewirken.

Hans Erni – Kunst, die verschwinden lässt

Zu den Künstlern, die während des Zweiten Weltkriegs als Tarnmaler eingesetzt wurden, gehörte Hans Erni. 1940 entwarf er für die unterirdischen Magazine in Rynächt im Kanton Uri ein Tarnmuster. Sein Entwurf verband, wie es der Ausstellungstext formuliert, «Kunst mit militärischer Zweckmässigkeit»: Die Eingänge der Anlage sollten in der Felslandschaft verschwinden.

Links/rechts: Tarnungs-Vorschlag MM5 Rynächt mit Rampe, Hans Erni 1940 / Bundesarchiv ( https://www.festung-oberland.ch)
Links/rechts: Tarnungs-Vorschlag MM5 Rynächt mit Rampe, Hans Erni 1940 / Bundesarchiv ( https://www.festung-oberland.ch)

Gerade darin liegt etwas Faszinierendes. Normalerweise schafft ein Künstler etwas, damit wir hinschauen. Erni erhielt hier den Auftrag, etwas zu gestalten, damit wir es nicht sehen.

Die Tarnmalerei bewegt sich damit eigentümlich zwischen Kunst und Technik. Kenntnisse über Farben, Formen, Perspektive und Wahrnehmung werden nicht dazu eingesetzt, ein Bild hervortreten zu lassen, sondern um ein reales Objekt aus unserer Wahrnehmung verschwinden zu lassen.

Noch spannender wird diese Verbindung in der Ausstellung durch ein zweites Werk Ernis. Während seines Aktivdienstes schuf er in einer Soldatenstube in Uri das Fresko «Muni mag fünf».


Hans Erni «Muni mag fünf», Schattdorf (Rynächt) 1944 / Quelle: Staaatsarchiv Uri ( https://www.festung-oberland.ch)
Hans Erni «Muni mag fünf», Schattdorf (Rynächt) 1944 / Quelle: Staaatsarchiv Uri ( https://www.festung-oberland.ch)

Auf der einen Seite also der Künstler, dessen Gestaltung eine militärische Anlage unsichtbar machen sollte; auf der anderen Seite der Künstler, der mitten im militärischen Alltag ein monumentales Bild schuf.

Verbergen heisst nicht verschwinden

Die Tarnung der Schweizer Verteidigungsanlagen hatte einen konkreten militärischen Zweck. Gleichzeitig führt sie zu einer Frage, die weit über den Zweiten Weltkrieg hinausgeht: Was sehen wir eigentlich, wenn wir auf einen Krieg blicken?

Die Ausstellung greift diese Frage an anderer Stelle wieder auf – nun mit Blick auf die Gegenwart. Früher prägten Gemälde und später Fotografien die Vorstellungen von Krieg. Heute erreichen uns Bilder nahezu in Echtzeit über Nachrichtenseiten und soziale Medien. Doch auch diese Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach neutral ab. Sie werden ausgewählt, zugeschnitten, kommentiert und weiterverbreitet. Die Ausstellung verweist dabei ausdrücklich auf Cyberangriffe und koordinierte Desinformationskampagnen und stellt die Frage: «Wie können wir die Wahrheit erkennen, wenn sie verborgen bleibt?»

Damit bekommt die historische Tarnmalerei eine unerwartete Aktualität.

Hans Erni liess mit Farbe einen Eingang in einer Felswand verschwinden. Die Mechanismen, mit denen heute Wahrnehmung beeinflusst wird, sind andere. Doch die grundlegende Frage bleibt erstaunlich ähnlich: Was wird sichtbar gemacht – und was bleibt verborgen?

Vielleicht ist genau das eine der Stärken von «Wir und der Krieg». Die Ausstellung erzählt nicht nur davon, was die Schweiz in vergangenen Kriegen getan oder nicht getan hat. Sie fordert auch dazu auf, über den eigenen Blick auf Krieg nachzudenken.

Denn was wir sehen, ist nicht zwangsläufig alles, was da ist.


Nach der Führung ging es zum gemeinsamen Mittagessen weiter. Dabei blieb reichlich Gelegenheit, die Eindrücke aus der Ausstellung zu diskutieren, Gedanken weiterzuspinnen und sich über ganz andere Themen auszutauschen.

Ein herzliches Dankeschön an José für die spannende Führung und die vielen interessanten Einblicke und an Silvester für die Organisation dieses gelungenen Anlasses – und natürlich an alle, die dabei waren und zu den anregenden Gesprächen beigetragen haben.

 
 
 

Am 28. März 2026 traf sich eine gemischte Gruppe aus Vereinsmitgliedern und weiteren Interessierten in Altstätten zum Besuch des Museums Prestegg. Gezeigt werden dort die Sonderausstellungen «Im Schatten des Krieges – Alltag im Rheintal» und «Rettende Schweiz? Flucht im Rheintal».


Während wir die erste Ausstellung individuell besichtigten, führte uns die Kuratorin Barbara Thimm durch «Rettende Schweiz?». Die Führung war präzise und anregend und öffnete Perspektiven, die zur Weiterbeschäftigung einluden.

Besonders beschäftigt hat mich ein Thema, das in der Ausstellung nur am Rand sichtbar wurde: die Situation von Schweizerinnen, die einen Ausländer heirateten.

Bis 1952 verloren Frauen mit der Heirat automatisch ihr Schweizer Bürgerrecht – selbst dann, wenn der Ehemann staatenlos war. Damit wurden sie im eigenen Land rechtlich zu Ausländerinnen, ebenso wie ihre Kinder. Was wie eine formale Regelung erscheint, hatte gerade im Zweiten Weltkrieg gravierende Konsequenzen.

Die betroffenen Frauen verloren oft ihre berufliche Existenzgrundlage. Berufsverbote, ein unsicherer Aufenthaltsstatus oder sogar die Ausweisung ins Herkunftsland des Ehemannes gehörten zu den möglichen Folgen. Gleichzeitig entfiel der Anspruch auf diplomatischen Schutz – mit potenziell fatalen Auswirkungen für gefährdete Frauen im Ausland.

Das Schicksal von Lea Berr-Bernheim (1915–1944) macht dies besonders deutlich. In Zürich aufgewachsen, verlor sie nach ihrer Heirat ihr Schweizer Bürgerrecht. Während des Krieges lebte sie mit ihrem Sohn in Frankreich. Als Jüdin war sie der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt – ohne Schutz durch die Schweiz. Alle Interventionen ihrer Familie blieben erfolglos. 1944 wurden sie und ihr Sohn nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Auch die Situation der Söhne solcher Ehen zwischen einer Schweizerin und einem Deutschen war dramatisch: Sie galten als deutsche Staatsbürger und waren wehrpflichtig. Für viele junge Männer, die in der Schweiz aufgewachsen waren, bedeutete dies eine existenzielle Zwangslage – zwischen Herkunft, Zugehörigkeit und einem Regime, dem sie sich nicht entziehen konnten.







Diese Beispiele zeigen, was diese Regelung bedeutete: Eine Heirat konnte den Verlust von Schutz, von Handlungsspielraum und im Extremfall von Sicherheit – oder sogar des Lebens – nach sich ziehen.

Diese historischen Beispiele werfen Fragen auf, die bis heute relevant sind. Zugehörigkeit ist nicht nur eine Frage des Empfindens, sondern auch rechtlich definiert – und damit veränderbar. Die Ausstellung macht sichtbar, wie fragil dieser Status sein kann.

Trotz des anspruchsvollen und nachwirkenden Themas war es ein gelungener Anlass. Die Kombination aus inhaltlicher Auseinandersetzung, anregenden Gesprächen und dem vorzüglichen Mittagessen im Restaurant Frauenhof machte den Tag besonders. Ein herzlicher Dank gilt Silvester für die Idee und die sorgfältige Organisation.



Quellen:

Museum Prestegg Altstätten, https://www.prestegg.ch

Redolfi Silke Margherita (2019), Die verlorenen Töchter, Der Verlust des Schweizer Bürgerrechts bei der Heirat eines Ausländers. Rechtliche Situation und Lebensalltag ausgebürgerter Schweizerinnen bis 1952

Redolfi Silke Margherita, Nach der Heirat ausgebürgert, https://blog.nationalmuseum.ch/2021/07/nach-der-heirat-ausgebuergert/






 
 
 

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