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Am 28. März 2026 traf sich eine gemischte Gruppe aus Vereinsmitgliedern und weiteren Interessierten in Altstätten zum Besuch des Museums Prestegg. Gezeigt werden dort die Sonderausstellungen «Im Schatten des Krieges – Alltag im Rheintal» und «Rettende Schweiz? Flucht im Rheintal».


Während wir die erste Ausstellung individuell besichtigten, führte uns die Kuratorin Barbara Thimm durch «Rettende Schweiz?». Die Führung war präzise und anregend und öffnete Perspektiven, die zur Weiterbeschäftigung einluden.

Besonders beschäftigt hat mich ein Thema, das in der Ausstellung nur am Rand sichtbar wurde: die Situation von Schweizerinnen, die einen Ausländer heirateten.

Bis 1952 verloren Frauen mit der Heirat automatisch ihr Schweizer Bürgerrecht – selbst dann, wenn der Ehemann staatenlos war. Damit wurden sie im eigenen Land rechtlich zu Ausländerinnen, ebenso wie ihre Kinder. Was wie eine formale Regelung erscheint, hatte gerade im Zweiten Weltkrieg gravierende Konsequenzen.

Die betroffenen Frauen verloren oft ihre berufliche Existenzgrundlage. Berufsverbote, ein unsicherer Aufenthaltsstatus oder sogar die Ausweisung ins Herkunftsland des Ehemannes gehörten zu den möglichen Folgen. Gleichzeitig entfiel der Anspruch auf diplomatischen Schutz – mit potenziell fatalen Auswirkungen für gefährdete Frauen im Ausland.

Das Schicksal von Lea Berr-Bernheim (1915–1944) macht dies besonders deutlich. In Zürich aufgewachsen, verlor sie nach ihrer Heirat ihr Schweizer Bürgerrecht. Während des Krieges lebte sie mit ihrem Sohn in Frankreich. Als Jüdin war sie der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt – ohne Schutz durch die Schweiz. Alle Interventionen ihrer Familie blieben erfolglos. 1944 wurden sie und ihr Sohn nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Auch die Situation der Söhne solcher Ehen zwischen einer Schweizerin und einem Deutschen war dramatisch: Sie galten als deutsche Staatsbürger und waren wehrpflichtig. Für viele junge Männer, die in der Schweiz aufgewachsen waren, bedeutete dies eine existenzielle Zwangslage – zwischen Herkunft, Zugehörigkeit und einem Regime, dem sie sich nicht entziehen konnten.







Diese Beispiele zeigen, was diese Regelung bedeutete: Eine Heirat konnte den Verlust von Schutz, von Handlungsspielraum und im Extremfall von Sicherheit – oder sogar des Lebens – nach sich ziehen.

Diese historischen Beispiele werfen Fragen auf, die bis heute relevant sind. Zugehörigkeit ist nicht nur eine Frage des Empfindens, sondern auch rechtlich definiert – und damit veränderbar. Die Ausstellung macht sichtbar, wie fragil dieser Status sein kann.

Trotz des anspruchsvollen und nachwirkenden Themas war es ein gelungener Anlass. Die Kombination aus inhaltlicher Auseinandersetzung, anregenden Gesprächen und dem vorzüglichen Mittagessen im Restaurant Frauenhof machte den Tag besonders. Ein herzlicher Dank gilt Silvester für die Idee und die sorgfältige Organisation.



Quellen:

Museum Prestegg Altstätten, https://www.prestegg.ch

Redolfi Silke Margherita (2019), Die verlorenen Töchter, Der Verlust des Schweizer Bürgerrechts bei der Heirat eines Ausländers. Rechtliche Situation und Lebensalltag ausgebürgerter Schweizerinnen bis 1952

Redolfi Silke Margherita, Nach der Heirat ausgebürgert, https://blog.nationalmuseum.ch/2021/07/nach-der-heirat-ausgebuergert/






 
 
 

Referentinnen: Ursula Landtwing und Pia Casanova


Was sehen wir vor uns, wenn wir an Nordamerika um 1500 denken? Leere Weiten? Einzelne „Stämme“? Oder komplex organisierte Gesellschaften mit eigenen politischen Systemen, wirtschaftlichen Strukturen und ethischen Grundsätzen?

Mit diesen Fragen starteten wir am Samstag, 31. Januar 2026, unsere Seminarreihe zu Kanada. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung mit den sozialen Strukturen indigener Gesellschaften Nordamerikas – lange bevor europäische Mächte begannen, den Kontinent zu dominieren.

Nach einem Gesamtüberblick vertieften wir uns in die Lebensweisen der Arktis und Subarktis, bevor Ursula Landtwing uns in die politische und gesellschaftliche Ordnung der Haudenosaunee – der Konföderation der fünf, später sechs Nationen der Irokesen – einführte.


Grosszügigkeit als gesellschaftliches Prinzip

Ein Gedanke zog sich durch die meisten der vorgestellten Gesellschaften: Ansehen entsteht nicht durch Besitz, sondern durch Weitergabe.

Viele indigene Gesellschaften Nordamerikas beruhten auf egalitären Grundsätzen. Unterschiede gab es – aufgrund von Alter, Geschlecht oder besonderen Fähigkeiten –, doch Status bedeutete nicht, Reichtum anzuhäufen. Im Gegenteil: Wer Respekt wollte, musste teilen.

Grosszügigkeit war keine private Tugend, sondern eine soziale Verpflichtung. Führung beruhte auf natürlicher Autorität, Überzeugungskraft und dem Vertrauen der Gemeinschaft – nicht auf Zwang oder materiellen Privilegien. Eigentum war häufig kollektiv organisiert, soziale Kontrolle erfolgte über Verwandtschaftsgruppen, und niemand sollte ohne Nahrung, Kleidung oder Schutz bleiben.

Gerade im Vergleich mit zeitgleichen europäischen Gesellschaften wird deutlich, wie unterschiedlich Vorstellungen von Macht, Eigentum und sozialem Rang sein konnten.


Politische Macht und weibliche Autorität bei den Haudenosaunee

Wampum: der nationale Gürtel der Haudenosaunee (www.onondaganation.com)
Wampum: der nationale Gürtel der Haudenosaunee (www.onondaganation.com)

Besonders eindrücklich war der Blick auf die Haudenosaunee. Ihre Gesellschaft war matrilinear organisiert: Abstammung und Clan-Zugehörigkeit verliefen über die Mutterlinie; Männer zogen nach der Heirat zum Clan ihrer Frau.

Die Clanmütter spielten eine zentrale Rolle. Sie bestimmten die Sachems, die Vertreter der Clans im Grossen Rat – und konnten sie auch wieder absetzen. Damit verfügten sie über realen politischen Einfluss. Als Hüterinnen der Lebensmittel – auch der Jagdbeute der Männer – kontrollierten sie zudem zentrale wirtschaftliche Prozesse.

Während Männer für Jagd, Diplomatie und Krieg zuständig waren, lag der Anbau der „Drei Schwestern“ – Mais, Bohnen und Kürbisse – in den Händen der Frauen. Landwirtschaft, Versorgung und politische Mitbestimmung waren eng miteinander verbunden.

Die Konföderation der Haudenosaunee entschied im Konsensprinzip. Dieses System gilt als eine der ältesten demokratischen Ordnungen Nordamerikas. Es zeigt deutlich: Demokratie ist kein originär europäisches Konzept.


Austausch, Diskussion und Perspektivenwechsel

Ein Seminar lebt nicht allein vom Input, sondern vom Austausch. Wir durften engagierte Fragen, kritische Nachfragen und lebhafte Diskussionen erleben.

Ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmenden für die aktive Mitarbeit, die Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Denkmuster zu hinterfragen.

Wir freuen uns auf den nächsten Teil unserer Kanada-Reihe.


 
 
 

Am 4. Oktober um zehn Uhr war es wieder so weit: Unsere Gruppe versammelte sich im milden Herbstlicht am Bahnhof Brugg. Von der Windischer Seite her startete unser Ausflug auf den Spuren der Habsburger – zuerst zum Kloster Königsfelden, weiter zum Schloss Habsburg und schliesslich zum Kloster Muri.


Königsfelden – Erinnerung und weibliche Stärke

Das Doppelkloster Königsfelden wurde von Elisabeth von Görz-Tirol, der Witwe des 1308 ermordeten Königs Albrecht I. von Habsburg, am Ort seiner Ermordung bei Windisch gestiftet. Es sollte ein Ort des Gedenkens für die Familie sein – und wurde bald zu einem der bedeutendsten geistlichen Zentren im Aargau.

Kloster Königsfelden
Kloster Königsfelden

Die Geschichte des Klosters ist eng mit zwei Generationen habsburgischer Frauen verbunden: Elisabeth als Stifterin und ihre Tochter Agnes von Ungarn, die Witwe des ungarischen Königs Andreas III.. 1317 übersiedelte Agnes nach Königsfelden. Mit ihrer Mitgift, kluger Verwaltung und geschickter politischer Verhandlungskunst führte sie das Kloster zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Sie war nicht nur Gönnerin, sondern auch eine Frau mit Machtinstinkt und diplomatischem Geschick – eine beeindruckende Figur ihrer Zeit.


Chor
Chor

Besonders faszinierend sind die Glasfenster im Chor der Klosterkirche. Zwischen 1320 und 1360 entstanden – also genau in der Zeit, in der Agnes in Königsfelden wirkte – gehören sie zu den bedeutendsten Werken spätmittelalterlicher Glasmalerei. In leuchtenden Farben erzählen sie die Passion Christi, umrahmt von Szenen seiner Geburt und Auferstehung. Daneben begegnen wir Franziskus, Klara und den Aposteln – in einem fein abgestimmten Dialog aus Theologie, Kunst und habsburgischem Selbstverständnis.Die Fenster wirken wie ein mittelalterliches Bilderbuch: jede Szene eine Miniatur aus Glas, jede Farbe ein Bekenntnis im Reich des Glaubens.

Schloss Habsburg – Ruine, Rundflug und Jägerstube

Schloss Habsburg im milden Herbstlicht
Schloss Habsburg im milden Herbstlicht

Von Windisch fuhren wir weiter zur Habsburg, dem Stammsitz der Habsburger Dynastie, von wo aus sie einst ihr Weltreich begründete. Zuerst stiegen wir zu den Ruinen des Vorderbaus hinauf – heute sind nur noch Teile des hinteren Baus erhalten, doch die Mauern erzählen genug, um die Vorstellungskraft zu beflügeln.

Habichtsflug
Habichtsflug

Anschliessend erlebten wir einen virtuellen 360-Grad-Rundflug über die Burg um das Jahr 1200. Mit VR-Brillen ausgerüstet, begaben wir uns auf Habichtsflug über die Welt der frühen Habsburger – ein Erlebnis, das bei allen für Staunen und Begeisterung sorgte.


Zum Abschluss stärkten wir uns bei einem feinen Mahl in der Jägerstube des Schlossrestaurants – ohne Aussicht, dafür in gemütlicher Atmosphäre und mit reichlich Gesprächsstoff über das eben Gesehene.

Muri – Architektur mit Humor erklärt

Am Nachmittag führte uns Peter Käch durch die Klosterkirche St. Martin in Muri. Mit viel Witz und Fachwissen erzählte er von der langen Baugeschichte – von den romanischen Fundamenten über gotische Umbauten bis zum barocken Glanz.


Kuppel
Kuppel

Besonders eindrücklich ist das Oktogon, das zwischen 1694 und 1697 in das bestehende romanische Kirchenschiff hineingebaut wurde. Dieser achteckige Zentralraum bildet das Herz eines der grössten Kuppelbauten der Schweiz. Die Verbindung von alten Mauern und barocker Raumfülle fasziniert bis heute.


Peter Käch verstand es, uns die Bedeutung des Gotteshauses und seiner Fresken nahezubringen: Nach den Schrecken des Dreissigjährigen Krieges lebten die Menschen im Freiamt in ärmlichen, russgeschwärzten Hütten. Der Besuch der lichtdurchfluteten, von Weihrauch und Musik erfüllten Kirche war für sie ein Fest für alle Sinne – eine Art „Sonntagsparty des Barockzeitalters“, Die Fresken vermittelten den meist analphabetischen Gläubigen die biblischen Geschichten – anschaulich, leuchtend und tröstlich zugleich.

Ein Tag voller Geschichte und Begegnungen

Von den farbigen Glasfenstern in Königsfelden über den virtuellen Flug über die Habsburg bis zur Kuppel von Muri – dieser Tag stand ganz im Zeichen von Licht, Geschichte und Begegnung.

Unser nächstes Event führt uns – im übertragenen Sinn – weg vom Aargau und von der Schweiz: Wir verlassen sogar Europa und befassen uns mit der Geschichte Kanadas. Am 31. Januar 2026 starten wir unsere kleine Reihe zu Kanada. Nach heutiger Planung findet das Seminar – natürlich – in Windisch, im Zentrum für Bildung, statt.

 
 
 

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