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pia.m.casanova
19. Aug.

Am Sonntag, 16. August 2026, trafen wir uns im Landesmuseum Zürich zu einer Kuratorenführung durch die Ausstellung «Wir und der Krieg». Besonders gefreut hat uns, dass wir neben unseren Vereinsmitgliedern auch Studierende der FernUni Schweiz begrüssen durften.

Dr. phil. José Cáceres, Kurator der Ausstellung, führte uns durch die verschiedenen Themenbereiche und gab uns Einblicke in das Konzept und die Entstehung der Ausstellung. Einer der Aspekte, die dabei besonders neugierig machten, war die Tarnmalerei – und die überraschende Rolle, die der Schweizer Künstler Hans Erni dabei spielte.

Was der Krieg verbirgt

Krieg ist sichtbar. In Bildern von zerstörten Städten, Soldatinnen und Soldaten, Waffen und Flüchtenden. Doch ebenso gehört zum Krieg das Unsichtbare: Was soll der Gegner nicht sehen? Was bleibt einer Bevölkerung verborgen? Und welche Bilder prägen überhaupt unsere Vorstellung von Krieg?

Diese Fragen ziehen sich durch die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich. Sie erzählt von der Schweiz inmitten bewaffneter Konflikte – und davon, dass auch ein neutrales Land nicht ausserhalb des Krieges steht. Bei der Führung mit José Cáceres wurde deutlich, dass die Ausstellung nicht einfach eine Geschichte der Kriege erzählt. Im Zentrum steht vielmehr die Frage nach dem Verhältnis der Schweiz zum Krieg. Denn auch ein Land, das sich als neutral versteht und seit Langem von Kriegshandlungen auf dem eigenen Territorium verschont geblieben ist, steht nicht ausserhalb bewaffneter Konflikte.

Die Ausstellung macht diese Verflechtungen über mehrere Jahrhunderte sichtbar. Schweizer dienten in fremden Armeen, Krieg und Handel waren miteinander verbunden, eine eigene Rüstungsindustrie entstand, und wirtschaftliche Beziehungen während der beiden Weltkriege warfen Fragen auf, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Krieg erscheint damit nicht nur als militärisches Ereignis. Er berührt Wirtschaft und Politik, verändert Landschaften und hinterlässt Spuren in gesellschaftlichen Debatten.

Wenn Landschaft zur Verteidigung wird

Eine dieser Spuren findet sich bis heute mitten in der Schweizer Landschaft. Befestigungen, Bunker und unterirdische Anlagen sollten insbesondere während des Zweiten Weltkriegs strategisch wichtige Räume schützen.


Mit dem Réduit wurde 1940 der Alpenraum zum militärischen Rückzugsraum. Doch eine Befestigung, die vom Gegner leicht erkannt werden kann, ist verwundbar. Sie musste deshalb nicht nur gebaut, sondern auch verborgen werden.

A1966-69 ARTILLERIEBUNKER AESCHIRIED BE (Quelle: https://www.festung-oberland.ch)
A1966-69 ARTILLERIEBUNKER AESCHIRIED BE (Quelle: https://www.festung-oberland.ch)

Damit erhielt eine Tätigkeit militärische Bedeutung, die man zunächst kaum mit Landesverteidigung verbindet: das Malen.

Künstler wurden eingesetzt, um militärische Anlagen zu tarnen. Farbe sollte Mauern, Eingänge und andere Bauten optisch mit Felsen, Vegetation und Gelände verschmelzen lassen. Malerei hatte hier nicht die Aufgabe, etwas sichtbar zu machen. Sie sollte das Gegenteil bewirken.

Hans Erni – Kunst, die verschwinden lässt

Zu den Künstlern, die während des Zweiten Weltkriegs als Tarnmaler eingesetzt wurden, gehörte Hans Erni. 1940 entwarf er für die unterirdischen Magazine in Rynächt im Kanton Uri ein Tarnmuster. Sein Entwurf verband, wie es der Ausstellungstext formuliert, «Kunst mit militärischer Zweckmässigkeit»: Die Eingänge der Anlage sollten in der Felslandschaft verschwinden.

Links/rechts: Tarnungs-Vorschlag MM5 Rynächt mit Rampe, Hans Erni 1940 / Bundesarchiv ( https://www.festung-oberland.ch)
Links/rechts: Tarnungs-Vorschlag MM5 Rynächt mit Rampe, Hans Erni 1940 / Bundesarchiv ( https://www.festung-oberland.ch)

Gerade darin liegt etwas Faszinierendes. Normalerweise schafft ein Künstler etwas, damit wir hinschauen. Erni erhielt hier den Auftrag, etwas zu gestalten, damit wir es nicht sehen.

Die Tarnmalerei bewegt sich damit eigentümlich zwischen Kunst und Technik. Kenntnisse über Farben, Formen, Perspektive und Wahrnehmung werden nicht dazu eingesetzt, ein Bild hervortreten zu lassen, sondern um ein reales Objekt aus unserer Wahrnehmung verschwinden zu lassen.

Noch spannender wird diese Verbindung in der Ausstellung durch ein zweites Werk Ernis. Während seines Aktivdienstes schuf er in einer Soldatenstube in Uri das Fresko «Muni mag fünf».


Hans Erni «Muni mag fünf», Schattdorf (Rynächt) 1944 / Quelle: Staaatsarchiv Uri ( https://www.festung-oberland.ch)
Hans Erni «Muni mag fünf», Schattdorf (Rynächt) 1944 / Quelle: Staaatsarchiv Uri ( https://www.festung-oberland.ch)

Auf der einen Seite also der Künstler, dessen Gestaltung eine militärische Anlage unsichtbar machen sollte; auf der anderen Seite der Künstler, der mitten im militärischen Alltag ein monumentales Bild schuf.

Verbergen heisst nicht verschwinden

Die Tarnung der Schweizer Verteidigungsanlagen hatte einen konkreten militärischen Zweck. Gleichzeitig führt sie zu einer Frage, die weit über den Zweiten Weltkrieg hinausgeht: Was sehen wir eigentlich, wenn wir auf einen Krieg blicken?

Die Ausstellung greift diese Frage an anderer Stelle wieder auf – nun mit Blick auf die Gegenwart. Früher prägten Gemälde und später Fotografien die Vorstellungen von Krieg. Heute erreichen uns Bilder nahezu in Echtzeit über Nachrichtenseiten und soziale Medien. Doch auch diese Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach neutral ab. Sie werden ausgewählt, zugeschnitten, kommentiert und weiterverbreitet. Die Ausstellung verweist dabei ausdrücklich auf Cyberangriffe und koordinierte Desinformationskampagnen und stellt die Frage: «Wie können wir die Wahrheit erkennen, wenn sie verborgen bleibt?»

Damit bekommt die historische Tarnmalerei eine unerwartete Aktualität.

Hans Erni liess mit Farbe einen Eingang in einer Felswand verschwinden. Die Mechanismen, mit denen heute Wahrnehmung beeinflusst wird, sind andere. Doch die grundlegende Frage bleibt erstaunlich ähnlich: Was wird sichtbar gemacht – und was bleibt verborgen?

Vielleicht ist genau das eine der Stärken von «Wir und der Krieg». Die Ausstellung erzählt nicht nur davon, was die Schweiz in vergangenen Kriegen getan oder nicht getan hat. Sie fordert auch dazu auf, über den eigenen Blick auf Krieg nachzudenken.

Denn was wir sehen, ist nicht zwangsläufig alles, was da ist.


Nach der Führung ging es zum gemeinsamen Mittagessen weiter. Dabei blieb reichlich Gelegenheit, die Eindrücke aus der Ausstellung zu diskutieren, Gedanken weiterzuspinnen und sich über ganz andere Themen auszutauschen.

Ein herzliches Dankeschön an José für die spannende Führung und die vielen interessanten Einblicke und an Silvester für die Organisation dieses gelungenen Anlasses – und natürlich an alle, die dabei waren und zu den anregenden Gesprächen beigetragen haben.

 
 
 

Am 28. März 2026 traf sich eine gemischte Gruppe aus Vereinsmitgliedern und weiteren Interessierten in Altstätten zum Besuch des Museums Prestegg. Gezeigt werden dort die Sonderausstellungen «Im Schatten des Krieges – Alltag im Rheintal» und «Rettende Schweiz? Flucht im Rheintal».


Während wir die erste Ausstellung individuell besichtigten, führte uns die Kuratorin Barbara Thimm durch «Rettende Schweiz?». Die Führung war präzise und anregend und öffnete Perspektiven, die zur Weiterbeschäftigung einluden.

Besonders beschäftigt hat mich ein Thema, das in der Ausstellung nur am Rand sichtbar wurde: die Situation von Schweizerinnen, die einen Ausländer heirateten.

Bis 1952 verloren Frauen mit der Heirat automatisch ihr Schweizer Bürgerrecht – selbst dann, wenn der Ehemann staatenlos war. Damit wurden sie im eigenen Land rechtlich zu Ausländerinnen, ebenso wie ihre Kinder. Was wie eine formale Regelung erscheint, hatte gerade im Zweiten Weltkrieg gravierende Konsequenzen.

Die betroffenen Frauen verloren oft ihre berufliche Existenzgrundlage. Berufsverbote, ein unsicherer Aufenthaltsstatus oder sogar die Ausweisung ins Herkunftsland des Ehemannes gehörten zu den möglichen Folgen. Gleichzeitig entfiel der Anspruch auf diplomatischen Schutz – mit potenziell fatalen Auswirkungen für gefährdete Frauen im Ausland.

Das Schicksal von Lea Berr-Bernheim (1915–1944) macht dies besonders deutlich. In Zürich aufgewachsen, verlor sie nach ihrer Heirat ihr Schweizer Bürgerrecht. Während des Krieges lebte sie mit ihrem Sohn in Frankreich. Als Jüdin war sie der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt – ohne Schutz durch die Schweiz. Alle Interventionen ihrer Familie blieben erfolglos. 1944 wurden sie und ihr Sohn nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Auch die Situation der Söhne solcher Ehen zwischen einer Schweizerin und einem Deutschen war dramatisch: Sie galten als deutsche Staatsbürger und waren wehrpflichtig. Für viele junge Männer, die in der Schweiz aufgewachsen waren, bedeutete dies eine existenzielle Zwangslage – zwischen Herkunft, Zugehörigkeit und einem Regime, dem sie sich nicht entziehen konnten.







Diese Beispiele zeigen, was diese Regelung bedeutete: Eine Heirat konnte den Verlust von Schutz, von Handlungsspielraum und im Extremfall von Sicherheit – oder sogar des Lebens – nach sich ziehen.

Diese historischen Beispiele werfen Fragen auf, die bis heute relevant sind. Zugehörigkeit ist nicht nur eine Frage des Empfindens, sondern auch rechtlich definiert – und damit veränderbar. Die Ausstellung macht sichtbar, wie fragil dieser Status sein kann.

Trotz des anspruchsvollen und nachwirkenden Themas war es ein gelungener Anlass. Die Kombination aus inhaltlicher Auseinandersetzung, anregenden Gesprächen und dem vorzüglichen Mittagessen im Restaurant Frauenhof machte den Tag besonders. Ein herzlicher Dank gilt Silvester für die Idee und die sorgfältige Organisation.



Quellen:

Museum Prestegg Altstätten, https://www.prestegg.ch

Redolfi Silke Margherita (2019), Die verlorenen Töchter, Der Verlust des Schweizer Bürgerrechts bei der Heirat eines Ausländers. Rechtliche Situation und Lebensalltag ausgebürgerter Schweizerinnen bis 1952

Redolfi Silke Margherita, Nach der Heirat ausgebürgert, https://blog.nationalmuseum.ch/2021/07/nach-der-heirat-ausgebuergert/






 
 
 

Referentinnen: Ursula Landtwing und Pia Casanova


Was sehen wir vor uns, wenn wir an Nordamerika um 1500 denken? Leere Weiten? Einzelne „Stämme“? Oder komplex organisierte Gesellschaften mit eigenen politischen Systemen, wirtschaftlichen Strukturen und ethischen Grundsätzen?

Mit diesen Fragen starteten wir am Samstag, 31. Januar 2026, unsere Seminarreihe zu Kanada. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung mit den sozialen Strukturen indigener Gesellschaften Nordamerikas – lange bevor europäische Mächte begannen, den Kontinent zu dominieren.

Nach einem Gesamtüberblick vertieften wir uns in die Lebensweisen der Arktis und Subarktis, bevor Ursula Landtwing uns in die politische und gesellschaftliche Ordnung der Haudenosaunee – der Konföderation der fünf, später sechs Nationen der Irokesen – einführte.


Grosszügigkeit als gesellschaftliches Prinzip

Ein Gedanke zog sich durch die meisten der vorgestellten Gesellschaften: Ansehen entsteht nicht durch Besitz, sondern durch Weitergabe.

Viele indigene Gesellschaften Nordamerikas beruhten auf egalitären Grundsätzen. Unterschiede gab es – aufgrund von Alter, Geschlecht oder besonderen Fähigkeiten –, doch Status bedeutete nicht, Reichtum anzuhäufen. Im Gegenteil: Wer Respekt wollte, musste teilen.

Grosszügigkeit war keine private Tugend, sondern eine soziale Verpflichtung. Führung beruhte auf natürlicher Autorität, Überzeugungskraft und dem Vertrauen der Gemeinschaft – nicht auf Zwang oder materiellen Privilegien. Eigentum war häufig kollektiv organisiert, soziale Kontrolle erfolgte über Verwandtschaftsgruppen, und niemand sollte ohne Nahrung, Kleidung oder Schutz bleiben.

Gerade im Vergleich mit zeitgleichen europäischen Gesellschaften wird deutlich, wie unterschiedlich Vorstellungen von Macht, Eigentum und sozialem Rang sein konnten.


Politische Macht und weibliche Autorität bei den Haudenosaunee

Wampum: der nationale Gürtel der Haudenosaunee (www.onondaganation.com)
Wampum: der nationale Gürtel der Haudenosaunee (www.onondaganation.com)

Besonders eindrücklich war der Blick auf die Haudenosaunee. Ihre Gesellschaft war matrilinear organisiert: Abstammung und Clan-Zugehörigkeit verliefen über die Mutterlinie; Männer zogen nach der Heirat zum Clan ihrer Frau.

Die Clanmütter spielten eine zentrale Rolle. Sie bestimmten die Sachems, die Vertreter der Clans im Grossen Rat – und konnten sie auch wieder absetzen. Damit verfügten sie über realen politischen Einfluss. Als Hüterinnen der Lebensmittel – auch der Jagdbeute der Männer – kontrollierten sie zudem zentrale wirtschaftliche Prozesse.

Während Männer für Jagd, Diplomatie und Krieg zuständig waren, lag der Anbau der „Drei Schwestern“ – Mais, Bohnen und Kürbisse – in den Händen der Frauen. Landwirtschaft, Versorgung und politische Mitbestimmung waren eng miteinander verbunden.

Die Konföderation der Haudenosaunee entschied im Konsensprinzip. Dieses System gilt als eine der ältesten demokratischen Ordnungen Nordamerikas. Es zeigt deutlich: Demokratie ist kein originär europäisches Konzept.


Austausch, Diskussion und Perspektivenwechsel

Ein Seminar lebt nicht allein vom Input, sondern vom Austausch. Wir durften engagierte Fragen, kritische Nachfragen und lebhafte Diskussionen erleben.

Ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmenden für die aktive Mitarbeit, die Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Denkmuster zu hinterfragen.

Wir freuen uns auf den nächsten Teil unserer Kanada-Reihe.


 
 
 

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