Am Sonntag, 16. August 2026, trafen wir uns im Landesmuseum Zürich zu einer Kuratorenführung durch die Ausstellung «Wir und der Krieg». Besonders gefreut hat uns, dass wir neben unseren Vereinsmitgliedern auch Studierende der FernUni Schweiz begrüssen durften.
Dr. phil. José Cáceres, Kurator der Ausstellung, führte uns durch die verschiedenen Themenbereiche und gab uns Einblicke in das Konzept und die Entstehung der Ausstellung. Einer der Aspekte, die dabei besonders neugierig machten, war die Tarnmalerei – und die überraschende Rolle, die der Schweizer Künstler Hans Erni dabei spielte.
Was der Krieg verbirgt
Krieg ist sichtbar. In Bildern von zerstörten Städten, Soldatinnen und Soldaten, Waffen und Flüchtenden. Doch ebenso gehört zum Krieg das Unsichtbare: Was soll der Gegner nicht sehen? Was bleibt einer Bevölkerung verborgen? Und welche Bilder prägen überhaupt unsere Vorstellung von Krieg?
Diese Fragen ziehen sich durch die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich. Sie erzählt von der Schweiz inmitten bewaffneter Konflikte – und davon, dass auch ein neutrales Land nicht ausserhalb des Krieges steht. Bei der Führung mit José Cáceres wurde deutlich, dass die Ausstellung nicht einfach eine Geschichte der Kriege erzählt. Im Zentrum steht vielmehr die Frage nach dem Verhältnis der Schweiz zum Krieg. Denn auch ein Land, das sich als neutral versteht und seit Langem von Kriegshandlungen auf dem eigenen Territorium verschont geblieben ist, steht nicht ausserhalb bewaffneter Konflikte.
Die Ausstellung macht diese Verflechtungen über mehrere Jahrhunderte sichtbar. Schweizer dienten in fremden Armeen, Krieg und Handel waren miteinander verbunden, eine eigene Rüstungsindustrie entstand, und wirtschaftliche Beziehungen während der beiden Weltkriege warfen Fragen auf, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Krieg erscheint damit nicht nur als militärisches Ereignis. Er berührt Wirtschaft und Politik, verändert Landschaften und hinterlässt Spuren in gesellschaftlichen Debatten.
Wenn Landschaft zur Verteidigung wird
Eine dieser Spuren findet sich bis heute mitten in der Schweizer Landschaft. Befestigungen, Bunker und unterirdische Anlagen sollten insbesondere während des Zweiten Weltkriegs strategisch wichtige Räume schützen.
Mit dem Réduit wurde 1940 der Alpenraum zum militärischen Rückzugsraum. Doch eine Befestigung, die vom Gegner leicht erkannt werden kann, ist verwundbar. Sie musste deshalb nicht nur gebaut, sondern auch verborgen werden.

Damit erhielt eine Tätigkeit militärische Bedeutung, die man zunächst kaum mit Landesverteidigung verbindet: das Malen.
Künstler wurden eingesetzt, um militärische Anlagen zu tarnen. Farbe sollte Mauern, Eingänge und andere Bauten optisch mit Felsen, Vegetation und Gelände verschmelzen lassen. Malerei hatte hier nicht die Aufgabe, etwas sichtbar zu machen. Sie sollte das Gegenteil bewirken.
Hans Erni – Kunst, die verschwinden lässt
Zu den Künstlern, die während des Zweiten Weltkriegs als Tarnmaler eingesetzt wurden, gehörte Hans Erni. 1940 entwarf er für die unterirdischen Magazine in Rynächt im Kanton Uri ein Tarnmuster. Sein Entwurf verband, wie es der Ausstellungstext formuliert, «Kunst mit militärischer Zweckmässigkeit»: Die Eingänge der Anlage sollten in der Felslandschaft verschwinden.

Gerade darin liegt etwas Faszinierendes. Normalerweise schafft ein Künstler etwas, damit wir hinschauen. Erni erhielt hier den Auftrag, etwas zu gestalten, damit wir es nicht sehen.
Die Tarnmalerei bewegt sich damit eigentümlich zwischen Kunst und Technik. Kenntnisse über Farben, Formen, Perspektive und Wahrnehmung werden nicht dazu eingesetzt, ein Bild hervortreten zu lassen, sondern um ein reales Objekt aus unserer Wahrnehmung verschwinden zu lassen.
Noch spannender wird diese Verbindung in der Ausstellung durch ein zweites Werk Ernis. Während seines Aktivdienstes schuf er in einer Soldatenstube in Uri das Fresko «Muni mag fünf».

Auf der einen Seite also der Künstler, dessen Gestaltung eine militärische Anlage unsichtbar machen sollte; auf der anderen Seite der Künstler, der mitten im militärischen Alltag ein monumentales Bild schuf.
Verbergen heisst nicht verschwinden
Die Tarnung der Schweizer Verteidigungsanlagen hatte einen konkreten militärischen Zweck. Gleichzeitig führt sie zu einer Frage, die weit über den Zweiten Weltkrieg hinausgeht: Was sehen wir eigentlich, wenn wir auf einen Krieg blicken?
Die Ausstellung greift diese Frage an anderer Stelle wieder auf – nun mit Blick auf die Gegenwart. Früher prägten Gemälde und später Fotografien die Vorstellungen von Krieg. Heute erreichen uns Bilder nahezu in Echtzeit über Nachrichtenseiten und soziale Medien. Doch auch diese Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach neutral ab. Sie werden ausgewählt, zugeschnitten, kommentiert und weiterverbreitet. Die Ausstellung verweist dabei ausdrücklich auf Cyberangriffe und koordinierte Desinformationskampagnen und stellt die Frage: «Wie können wir die Wahrheit erkennen, wenn sie verborgen bleibt?»
Damit bekommt die historische Tarnmalerei eine unerwartete Aktualität.
Hans Erni liess mit Farbe einen Eingang in einer Felswand verschwinden. Die Mechanismen, mit denen heute Wahrnehmung beeinflusst wird, sind andere. Doch die grundlegende Frage bleibt erstaunlich ähnlich: Was wird sichtbar gemacht – und was bleibt verborgen?
Vielleicht ist genau das eine der Stärken von «Wir und der Krieg». Die Ausstellung erzählt nicht nur davon, was die Schweiz in vergangenen Kriegen getan oder nicht getan hat. Sie fordert auch dazu auf, über den eigenen Blick auf Krieg nachzudenken.
Denn was wir sehen, ist nicht zwangsläufig alles, was da ist.
Nach der Führung ging es zum gemeinsamen Mittagessen weiter. Dabei blieb reichlich Gelegenheit, die Eindrücke aus der Ausstellung zu diskutieren, Gedanken weiterzuspinnen und sich über ganz andere Themen auszutauschen.
Ein herzliches Dankeschön an José für die spannende Führung und die vielen interessanten Einblicke und an Silvester für die Organisation dieses gelungenen Anlasses – und natürlich an alle, die dabei waren und zu den anregenden Gesprächen beigetragen haben.




