- pia.m.casanova
- 8. Feb.

Referentinnen: Ursula Landtwing und Pia Casanova
Was sehen wir vor uns, wenn wir an Nordamerika um 1500 denken? Leere Weiten? Einzelne „Stämme“? Oder komplex organisierte Gesellschaften mit eigenen politischen Systemen, wirtschaftlichen Strukturen und ethischen Grundsätzen?
Mit diesen Fragen starteten wir am Samstag, 31. Januar 2026, unsere Seminarreihe zu Kanada. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung mit den sozialen Strukturen indigener Gesellschaften Nordamerikas – lange bevor europäische Mächte begannen, den Kontinent zu dominieren.
Nach einem Gesamtüberblick vertieften wir uns in die Lebensweisen der Arktis und Subarktis, bevor Ursula Landtwing uns in die politische und gesellschaftliche Ordnung der Haudenosaunee – der Konföderation der fünf, später sechs Nationen der Irokesen – einführte.
Grosszügigkeit als gesellschaftliches Prinzip
Ein Gedanke zog sich durch die meisten der vorgestellten Gesellschaften: Ansehen entsteht nicht durch Besitz, sondern durch Weitergabe.
Viele indigene Gesellschaften Nordamerikas beruhten auf egalitären Grundsätzen. Unterschiede gab es – aufgrund von Alter, Geschlecht oder besonderen Fähigkeiten –, doch Status bedeutete nicht, Reichtum anzuhäufen. Im Gegenteil: Wer Respekt wollte, musste teilen.
Grosszügigkeit war keine private Tugend, sondern eine soziale Verpflichtung. Führung beruhte auf natürlicher Autorität, Überzeugungskraft und dem Vertrauen der Gemeinschaft – nicht auf Zwang oder materiellen Privilegien. Eigentum war häufig kollektiv organisiert, soziale Kontrolle erfolgte über Verwandtschaftsgruppen, und niemand sollte ohne Nahrung, Kleidung oder Schutz bleiben.
Gerade im Vergleich mit zeitgleichen europäischen Gesellschaften wird deutlich, wie unterschiedlich Vorstellungen von Macht, Eigentum und sozialem Rang sein konnten.
Politische Macht und weibliche Autorität bei den Haudenosaunee

Besonders eindrücklich war der Blick auf die Haudenosaunee. Ihre Gesellschaft war matrilinear organisiert: Abstammung und Clan-Zugehörigkeit verliefen über die Mutterlinie; Männer zogen nach der Heirat zum Clan ihrer Frau.
Die Clanmütter spielten eine zentrale Rolle. Sie bestimmten die Sachems, die Vertreter der Clans im Grossen Rat – und konnten sie auch wieder absetzen. Damit verfügten sie über realen politischen Einfluss. Als Hüterinnen der Lebensmittel – auch der Jagdbeute der Männer – kontrollierten sie zudem zentrale wirtschaftliche Prozesse.
Während Männer für Jagd, Diplomatie und Krieg zuständig waren, lag der Anbau der „Drei Schwestern“ – Mais, Bohnen und Kürbisse – in den Händen der Frauen. Landwirtschaft, Versorgung und politische Mitbestimmung waren eng miteinander verbunden.
Die Konföderation der Haudenosaunee entschied im Konsensprinzip. Dieses System gilt als eine der ältesten demokratischen Ordnungen Nordamerikas. Es zeigt deutlich: Demokratie ist kein originär europäisches Konzept.
Austausch, Diskussion und Perspektivenwechsel
Ein Seminar lebt nicht allein vom Input, sondern vom Austausch. Wir durften engagierte Fragen, kritische Nachfragen und lebhafte Diskussionen erleben.
Ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmenden für die aktive Mitarbeit, die Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Denkmuster zu hinterfragen.
Wir freuen uns auf den nächsten Teil unserer Kanada-Reihe.








